In der Zeitung habe ich von einer Frau gelesen, die den größten Teil ihrer Kindheit in Afrika verbracht hat. Sie führt jetzt ein Leben sowohl in Europa als auch in ihrer "Heimat". Sie findet, dass beide Kulturen ihre Vorzüge haben. Dass in Deutschland alles so gut organisiert ist, imponiert ihr. Nur was sie spürt ist, dass es ihr nach einiger Zeit schwer fällt "nichts zu tun". In Afrika kann sie stundenlang einfach dasitzen und beobachten ohne etwas Konkretes zu machen. Wenn sie in Europa eine Weile verbracht hat, zückt sie am Flughafen in der Wartezeit sofort ihr Handy.
Im Yoga geht es oft um das pure Sein im Moment. Es ist schön, wenn wir davon etwas in unseren Alltag integrieren können. Wenn wir zwangsweise warten müssen, weil die S-Bahn Verspätung hat, der Flug storniert wurde, die zweite Kasse noch nicht geöffnet ist, der Computer abstürzt, der Besuch unpünktlich ist, die Werkstatt den Wagen noch nicht fertig hat; können wir uns ärgern oder einfach entspannt nichts tun.
Gestern hatte meine Kleine keine Lust mit dem Laufrad vom Kindergarten nach Hause zu fahren. Sie wollte nicht gehen, nicht fahren, sondern am liebsten direkt in ihr Kinderzimmer gebeamt werden, wenigstens hätte ich mit dem Auto kommen können. Normalerweise bin ich in solch einer Situation sehr genervt, rede auf sie ein (von "Komm, es ist doch nicht weit" bis "FAHR JETZT ENDLICH!"), gehe einfach los und lasse sie eine Weile brüllen oder verstecke mich hinter einer Hecke. Das funktioniert alles, aber es ist sehr anstrengend und dauert. Diesmal blieb ich einfach stehen und hörte ihr zu. Sie schimpfte ("ICH FAHR NICHT LOS!"), brüllte und spannte jeden Muskel an. Ich lehnte mich an einen Zaun und beobachtete sie. Ich atmete tief ein und aus und versuchte in mir eine Ruhe zu finden. Eine mitfühlende Ruhe, nicht Kaltherzig, zynisch oder arrogant. Ich blieb ruhig und fühlte mich in ihren Frust hinein. Frustrierte Momente kenne ich selbst genug. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Es dauerte gefühlte drei Stunden, tatsächlich waren es drei Minuten, und sie wurde ruhiger. Sie schaute sich um und meinte, sie könne nur auf der anderen Straßenseite fahren. Damit konnte ich leben. Wir gingen rüber. Sie stoppte und sagte, dass sie aber nur ganz langsam fahren wird. Sie stellte meine Geduld auf eine harte Probe. Ich atmete noch einmal tief durch: "Gut, dann fährst Du ganz langsam." Und dann sauste sie los ... Als wir zu Hause waren, sah ich auf die Uhr und staunte. Wir waren höchstens 5 Minuten länger als unter normalen Umständen unterwegs gewesen. Wenn ich die alte Methode angewandt hätte, wären wir noch später und mit viel mehr Schmerz angekommen.
Warten lohnt sich.
Sat Nam
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen