Heute Morgen traf ich beim Bäcker einen Mann, der mir ausführlich die Weltlage erklärte. Das alles ganz schrecklich heutzutage ist, dass es früher diese Dinge nicht gab. Dass die Politiker an allem Schuld sind und keine Ahnung haben. Mein erstes Gefühl ist totales Unwohlsein. Er hält einen Monolog und sucht einen Empfänger. Ich stand in der Warteschlange. Ich konnte nicht weg, wäre aber am liebsten geflüchtet. Er suchte den Augenkontakt zu mir. Sein Blick war durchdringend. Er fixierte mich. Es hatte etwas zwanghaftes. Anfänglich habe ich seinen Worten gelauscht, suchte nach Logikfehlern und wollte ihm sagen, dass er Unrecht hat. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass das keine Lösung ist. Im Schlimmsten Falle droht eine heftige Diskussion, wo sich sein Ärger dann an mir entlädt. Ich drehte meine Gedankenherdplatte auf niedrigste Stufe und konzentrierte mich auf meinen Atem und mein Fühlen. Seine Sätze ließ ich nicht mehr durch meinen Verstand laufen. Ich versuchte nur zu fühlen. Ich merkte, dass es ihm schlecht geht. Mitfühlend schaute ich ihn an. Er wurde etwas ruhiger, redete aber pausenlos weiter. Ohnmacht stieg in mir auf. Ich wußte überhaupt nicht, wie ich ihm helfen kann. Meine Herdplatte sprang wieder an. Was ist ihm wohl zugestoßen, dass er so verbittert ist? Was hat er für Krankheiten? Hat er Familie? Ist er allein? Was kann ich bloß sagen um ihn zu beruhigen? Nichts. Ich spürte ganz klar, dass ich ihm aktiv nicht helfen kann. Das fand ich sehr unangenehm. Machtlosigkeit. Aber er fordert mich doch! Ich muss ihm helfen. Jetzt. Sofort. Der soll aufhören damit. Das tut ihm nicht gut, was er da macht. Er redete wieder lauter. Ich war verzweifelt. Plötzlich hörte ich wieder das "ich bin glücklich" - Mantra. Ich entspannte mich, wurde ruhiger und gelassener. Ich bekam mehr Abstand. Meine Schultern lockerten sich wieder. Nur meine Pobacken waren noch angespannt. Hätte mir in dem Moment jemand da hineinkneifen wollen, wäre er auf Beton gestoßen. Langsam konnte ich auch diese Muskeln lösen. Ich stellte mir vor, dass ich von einer weißen Lichtkugel umhüllt bin. Und schickte leuchtende Strahlen zu ihm. Er wurde tatsächlich ruhiger und redete weniger, wurde sogar etwas schweigsam. Vielleicht lag es daran, dass ich ihm für einen Moment vorleben konnte, dass egal, was um einen herum passiert, man ruhig bleiben kann. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall war die Stimmung besser. "Einmal zwei entspannte Semmeln bitte!"
Bestimmt kennt Ihr solche Situationen auch. Wo und wann? Was habt Ihr dabei erlebt?
Sat Nam
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